Millionen Deutsche leiden unter ungewöhnlich starker Grippewelle
Marburg/Hannover (dpa) - Vor dem tückischen Grippe-Virus gibt es derzeit kaum ein Entrinnen. «Nur Zufall, Glück und ein stabiles Immunsystem schützen noch vor einer Ansteckung», sagt Helmut Uphoff von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) in Marburg. Eine ungewöhnlich starke Grippewelle hat Deutschland erfasst und bei Millionen von Menschen Fieber, Schüttelfrost und Gliederschmerzen hervorgerufen.
Die Erreger der gefürchteten Influenza sind hoch ansteckend und verbreiten sich rasend schnell. Bereits beim Sprechen, Hände geben oder Niesen werden sie über feinste Tröpfchen übertragen. Besonders leicht hat es das Virus, das unter dem Mikroskop wie eine mit Stacheln besetzte Kugel aussieht, in Menschenansammlungen: Nach den närrischen Tagen zum Beispiel steigt die Zahl der Grippe-Patienten meist deutlich an. Die Arbeitsgemeinschaft geht davon aus, dass der Höhepunkt der Welle daher noch bevorsteht.
Schon innerhalb weniger Stunden stellen sich die Symptome ein: hohes Fieber, Schüttelfrost, Entzündungen der Atemwege, später auch ein trockener Husten. «Typisch ist der plötzliche Beginn, man bricht innerhalb kurzer Zeit völlig zusammen - das kann bis zur Ohnmacht gehen», erklärt Uphoff. Im Schnitt sei die Influenza nach sieben Tagen ausgestanden, viele Patienten fühlten sich aber noch mehrere Wochen lang schlapp und zerschlagen.
Wenn die Grippe erst einmal die Kollegen im Büro oder ein Familienmitglied erwischt hat, ist es für eine Impfung zu spät. Der Immunschutz baue sich erst nach bis zu zwei Wochen auf, berichtet der Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Influenza in Hannover, Rolf Heckler. «Inzwischen sind wir aber nicht mehr nur auf Aspirin angewiesen, sondern haben sehr gut wirksame antivirale Medikamente.» Die Grippe-Pille Tamiflu und das Pulver Relenza, das inhaliert werden muss, verkürzten die Krankheitsdauer und verhinderten zusätzliche bakterielle Infektionen wie Stirnhöhlen- oder Lungenentzündungen.
Gerade diese so genannten Sekundärinfektionen machten die Influenza so gefährlich, warnt Uphoff: «Wenn Viren und Bakterien gemeinsam ihr Zerstörungswerk fortsetzen, können die Komplikationen durchaus lebensbedrohlich sein.» Weil die Bevölkerung die Begriffe Erkältung, grippaler Infekt und Grippe (Influenza) nicht unterscheide, werden die gefährlichen Folgen der Influenza nach Hecklers Erfahrung meist unterschätzt. Mehr als 30 000 Grippe- Patienten seien aber während des extrem harten Winters 1995/96 gestorben. Weil derzeit die Erkrankungszahlen vor allem bei Menschen über 60 Jahren deutlich ansteigen, befürchtet die AGI auch in diesem Jahr eine deutlich erhöhte Zahl von Todesfällen.
Bis Ende März werde sich die Grippe-Saison vermutlich noch hinziehen - möglicherweise auch länger, wenn sich die Influenza-B- Viren stärker durchsetzten. In diesem Winter grassieren nach Hecklers Angaben drei Virenarten: Mit rund 90 Prozent seien das so genannte Panama-Virus und ein weiteres Influenza-A-Virus vertreten, die restlichen 10 Prozent mache ein Erreger des B-Stamms aus.
Die «eleganteste und sinnvollste» Vorbeugung sei die jährliche Grippeimpfung im Herbst, sagt Heckler: «Leider ist Deutschland aber kein Land der impffreudigen Menschen.» Ein sicherer Infektionsschutz sei bei etwa 60 bis 80 Prozent der Geimpften gewährleistet, berichtet Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut für Sera und Impfstoffe in Langen bei Frankfurt am Main. «Das darf aber gerade ältere Menschen oder Risikopatienten nicht davon abhalten, sich impfen zu lassen. Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nirgends.»
© dpa - Meldung vom 05.03.2003
